Sonntag, 2. Juni 2013

Ab in den Süden - Ticino Saisonverlängerung

Schnee und Regen verhindern zur Zeit jegliche Frühlings- oder gar Sommergefühle. Noch schlimmer, sogar die meisten Felsen in der näheren Umgebung stehen unter Wasser. Die Flucht in den Süden bleibt darum, wie schon letzte Woche, unsere einzige Option.
Das Wetter diesen Frühling spielt verrückt. Nach einem Hagelsturm  anfangs Mai begann es gegen Ende des Monats ununterbrochen zu regnen. Flüsse und Seen überliefen, Erdrutsche unterbrachen Geleise und Strassen. Auch das Tessin war von den Unwettern betroffen, jedoch endete der Niederschlag dort einige Tage früher. So blieb uns die Möglichkeit, nach Chironico zu flüchten. Da wir zu jenen "Conditions-Verwöhnten" gehören, die nur bei 5°C und leichtem Wind harte Projekte angehen, wollten wir nun viele einfachere Boulder klettern.

Einfachere Boulder sind nicht zwingend einfach. Einige dieser Linien im oberen sechsten und unteren siebten Fontainebleau-Grad konnten wir zügig abhaken, andere haben uns doch einen guten Teil Kraft, Haut und Willen abverlangt. Einer jener Boulder, die uns sicher im Gedächtnis bleiben werden, ist Trip to London. Diese wunderschöne, hohe Platte befindet sich ganz in der Nähe des grossen Parkplatzes. Auf den ersten Blick sieht der Block beeindruckend mächtig aus. Auf den zweiten Blick bemerkt man den Baum und hofft, dass man nicht dort hineinfallen wird. Erst auf den dritten Blick fallen die zahlreichen Unebenheiten auf, die den Aufstieg ermöglichen. Jedoch benötigen wir doch einige Zeit, nämlich drei Abflüge, je einen vom Einstieg, aus der Mitte und von zuoberst, bis wir die trickreichen Sequenzen entschlüsselt haben.


Im Boogalagga-Sektor versteckt sich noch eine ganze Menge an schönen Problemen. Der Weather Channel (Foto links) gehört zum Aufwärmprogramm für die kleingriffige Traverse Royal. Dort feiert Marc seine ersten erfolgreichen Hookversuche. Die Verlängerung Royal with Cheese sorgt bei Boulderunterarmen schon für einen anständigen Pump, obwohl sie nur wenige Züge hinzufügt. Ein unscheinbarer Block ist Doctor Small. An dieser kleinen, überhängenden Kante sind wir bis anhin immer vorbeigelaufen. Die Griffe und Züge sind genial. Philipp flasht den Boulder mit beeindruckender Kontrolliertheit. Rechts daneben am gleichen Block gibt es ein kurzes, fingerkräftiges Problem (Bild). Marc freut sich dort über seinen Erfolg und springt, wie von der Halle her gewohnt, wieder auf die Matte ab. So etwas können wir nicht akzeptieren, sowieso nicht beim nächsten Boulder. In Happy People folgt auf einen einfachen, aber pumpigen Start ein Ausstieg, der zwar nicht richtig schwierig ist, aber noch mal ein wenig Überzeugung verlangt. Beni und Michi können Marc wenigstens hier für den Ausstieg motivieren, den er schliesslich seriös meistert (siehe Bild unten). Weitere Stationen heute sind M. Mule (Bild) und Giandollaro (Bild).


In Tira e Molla, einem komischen Einzug-Plattendyno, kämpfen wir schon ziemlich gegen die Hitze. Philipp und Marc klettern beide noch zügig Super Size Me, Philipp dabei seriös im Flash-Mode. Gegen Nachmittag wird die Hitze immer grösser, im schönen Sloper-Problem The Modern Ruin rutschen wir mit schwitzigen Fingern von eigentlich guten Griffen. Irgendwann ist die Motivation am Ende und wir hoffen auf besseres Wetter in kühleren Gebieten.



Samstag, 25. Mai 2013

Chironico

Der regnerische Frühling lässt Philipp, Thomas, Marc und Michi ins Tessin flüchten. Dort herrschen aussersaisonale Top-Conditions. Thomas und Marc haben bisher noch nie den Weg zu den Tessiner Felsblöcken gefunden, freunden sich aber sehr schnell mit dem Spot an. Marc findet es sogar "voll friedlich hier". Zufälligerweise treffen wir Josh und Silvan. Marc und Thomas müssen als Neulinge zuerst einmal alle Klassiker des Paese-Sektors abspulen - The Aviator, Les Cadeaux, Los Cursos und Bella Gnocca stehen auf der Liste. Erstmals kommen auch die Stärken und Schwächen unserer Hallenfreunde ans Tageslicht. Der Hook ist für die einen eher etwas wie ein mystischer, unbegreiflicher Zaubertrick, für die anderen gehört er durchaus zum gängigen Repetoire. Aber wie schon Sharma vorlebte: "Kraft kann Technik kompensieren". Wenigstens bis zu einem gewissen Grad. Oder das Hojer'sche Dogma: "Wenn die Füsse stets rutschen, setzt man sie besser gar nicht mehr". Auf jeden Fall hatten wir Freude an der Stilanalyse. Weiter geht es zur Borderline, wo die Zustiegsplatte zum Sprung auch nicht unterschätzt werden darf. Silvan und Josh verlassen uns leider schon bald wieder, da ihre gestrige Teilnahme am Blocbuster ihren Tribut fordert. Ihre Fingerkuppen waren schon am Morgen pink.


Die nächste Episode des Tages trägt den Namen "Der verlorene Walliser". Thomas ist zuletzt noch mit Josh und Silvan unterwegs, doch findet er im grossen Wald seine Freunde nicht mehr. Die moderne Technik sei dank - per I-Phone lassen sich die Standorte austauschen. Philipp, Marc und Michi haben in der Zwischenzeit der genialen Linie von The Sickle (Bild zuoberst) einen Besuch abgestattet. Leider sind wir nicht lange glücklich vereint, den die Fussballfreunde treibt es nach Hause vor den Fernseher - das Champions League Finale wartet. Für Philipp und Michi ein unverständliches Verhalten, sie gehen weiter und klettern mit weniger oder mehr Mühe Doktor Multifit. Philipp klettert den Boulder schnell, nachdem er im ersten Versuch am ersten Zug scheitert. Michi klagt über seine Haut, die auch schon eine bessere Konsistenz hatte als jetzt, mitten in der Prüfungsphase. Philipp stellt weitere, wilde Mutmassungen an, woher der Qualitätsverlust rühren könnte. Nach gefühlten zwanzig weiteren Versuchen fügt Michi die drei Züge aber doch noch erfolgreich aneinander. Zufrieden fahren wir nach einem lustigen Tag nach Hause. Im Zug finden wir nach einigen Kraftübungen endlich heraus, wieso Philipp jeweils viel mehr Tritte erreicht als Michi. Der Längsspagat unaufgewärmt ist für ihn kein Problem, zum Seitspagat fehlt nur wenig. Ein richtig übler Kerl...

Donnerstag, 9. Mai 2013

Magic Wood

Mehr im Magic Wood zu bouldern ist ein Ziel für dieses Jahr. Unser erster Averstag ist ein Regentag. Foxy Lady ist der einzige trockene Boulder. Philipp und Michi können beide ziemlich schnell die Dyno-Variante klettern. Die originale Riss-Linie (Bild oben) können wir leider nicht ganz zusammenhängen. Abgesehen von den Versuchen in Foxy Lady klettern wir nur noch Muchacha. So heisst die markante Kante direkt oberhalb des Riverbeds.

Wenige Tage später sind wir wieder zurück im Wald. Nach einigen einfacheren Bouldern stehen wir wieder unter Foxy Lady. Der neuseeländische Sportfotograf Eddie Fowke (eddiefowkephotography.com) ist zufälligerweise auch hier und macht einige schöne Fotos. Merci! Dieses Mal klappt es mit dem Durchstieg in wenigen Versuchen.


Sonntag, 14. April 2013

Poseidon - Gott oder Guru?


Das Wetter ist endlich perfekt und um 10 Uhr morgens entscheiden wir (Philipp und Michi) uns, etwas zu unternehmen. Zur Auswahl stehen das Telli oder die sagenumwobene Guruplatte am Hunds-Chopf. Da die Temperaturen schon sehr sommerlich sind, beschliessen wir, nach Seelisberg zur Guruplatte zu fahren. Gute zwei Stunden später fetzen wir mit den Kickboards über die Strasse zum Hunds-Chopf. Zu Fuss steuern wir durch den Wald weiter auf der Suche nach der Abseilstelle. Schnell stossen wir auf die Abbruchkante, wo der friedliche Wald abrupt endet und beinahe vierhundert Meter tiefer der Urner See in der Nachmittagssonne glitzert. Entlang dieser Kante stossen wir linkshaltend auf die angepeilte Abseilstelle. Nach Philipp's ersten fehlgeschlagenen Seil-Rauswerf-Versuchen, er meinte, im alpinen Gelände hätte es sonst nicht so viele Bäume, seilen wir uns kurz vor halb drei endlich in die Wand ab. Das zweite Mal Abseilen führt uns über die Abbruchstelle des Felssturzes von 2008. Nach drei weiteren, reibungslosen Abseilmanövern stehen wir am oberen Ende einer kleinen Geröllterrasse immer noch zweihundert Meter über der Wasseroberfläche inmitten der Wand.

Bild links: Tiefblick vom Ausstieg auf den See und die letzte Seillänge. Die Kunst des Seilwerfens erfordert unterhalb der Baumgrenze besonderes Können.

Michi startet gleich in die erste Seillänge und wie erwartet ist die Kletterei nicht einfach ein Spaziergang, wie der Schwierigkeitsgrad vielleicht vortäuschen könnte, sondern erfordert Fusstechnik und Übersicht. Die Kulisse ist fantastisch und als die Sonne hinter den Felsen verschwindet, ist auch das Klima sehr angenehm. Philipp klettert die nächste Seillänge, die über einen kleinen, griffigen Aufschwung auf die nächste Platte führt. Die dritte Seillänge wartet mit laut Topo 45 Klettermetern und verursacht schmerzende Füsse in den engen Kletterfinken. Die vierte Seillänge erreicht das obere Ende der Guruplatte, wo die schwierigen Stellen dieser Route allesamt bewältigt sind. Die fünfte Seillänge führt an der Kante eines meterbreiten Risses hinauf, bevor es in der Letzten nochmals plattig wird. Zum Schluss hetzen wir hinauf, da wir unbedingt den Bus erwischen wollen. Pünktlich in Seelisberg angekommen stellen wir fest, dass der Bus fünf Minuten früher fährt als wir dachten. Der gute alte Autostop hilft uns zum Glück wiedermal weiter.

Die Route Poseidon in der Guruplatte am Hundschopf ist wirklich lohnend. Das Ambiente ist einmalig, Klettereien mit Seen unter den Füssen gibt es in der Schweiz nicht zuhauf. Die Felsqualität ist ziemlich gut, nur selten sind kleine Käntchen ausgebrochen. Es hat sich gelohnt, anstelle eines Klettergartennachmittags wiedermal eine kleine Mehrseillängentour zu klettern. Das Topo zur Route findet man im neuen Zentralschweizer Kletterführer. Die empfohlenen mobilen Sicherungsgeräte können übrigens nicht eingesetzt werden und sind auch nicht notwendig. Haken sind vorhanden, man braucht nur zehn Expressen mitzunehmen.