Donnerstag, 9. Januar 2014

Blattiswald

Schon vor längerer Zeit haben wir von einem alten Fred Nicole Boulder mit den Namen Blindflug im Blattiswald gehört. Die Suche nach dem Block entpuppte sich als erste Herausforderung, derart dicht wachsen die Dornen dort im Sommerhalbjahr. Darum rutschte diese Linie wieder ein bisschen weiter in den Hinterkopf zurück. Das nächste Mal sah ich den Block während einer Zugfahrt ins Tessin. Er liegt nur wenige Meter neben der Bahnlinie, das war mir letztes Mal im Gestrüpp gar nicht aufgefallen. Waldarbeiter hatten riesige Mengen an Sträuchern und Bäumchen entfernt. Nun mussten wir den Boulder unbedingt anschauen gehen.
Nächstes Mal sahen wir schon aus dem Zug zwei Boulderer am Block. Wir trafen auf Ronny und Aldo. Sie hatten den Boulder schon geputzt und Ronny hatte ihn auch schon geklettert. Der Schlüsselzug ist ein weiter Zug aus der linken Schulter an eine kleine Schuppe. Den Zug kann dynamisch direkt oder mit einem kleinen Zwischengriff praktisch statisch gelöst werden. Wenige Tage vor Weihnachten hatte ich meine linke Schulter überlastet. Ich hatte gehofft, dass eine Pause über die Festtage reichen würde, doch schnell merkte ich, dass es nicht so war. Die linke Schulter begann schnell wieder zu schmerzen, vorallem in der stark belasteten Position im Schlüsselmove. Philipp konnte den Move einige Male isoliert klettern. Ronny und Aldo zeigten uns in der Nähe des Blindflugs ein weiteres Blattiswald-Testpiece namens Memmentanz (Bild unten). Bei Ronny konnten wir das Beta gleich zweimal live anschauen, doch bei uns hat das nichts mehr gebracht. Danke an Aldo, dass wir nicht mehr alles zurücklaufen mussten.

Nächstes Mal waren wir wieder mit Aldo dort. Wir wärmten uns gleich beim Memmentanz auf. Die Compression-Moves schmerzen im Gegensatz zum Blindflug praktisch nicht. Aldo kletterte den Boulder ziemlich schnell und ich rutschte noch nach der Schlüsselstelle unkonzentriert ab. Beim Blindflug war es wieder die gleiche Geschichte wie letztes Mal. Ich konnte nicht einmal den Einzelmove und Philipp zwar den Move, aber von unten wollte es nicht klappen. Aldo gibt einen guten Versuch. Er erwischt die Schuppe, rutscht jedoch beim Nachgreifen unglücklich ab.

Zum dritten Mal innert kurzer Zeit bin ich im Blattiswald, diesmal mit Marc, und ich fühle mich schon deutlich besser. Alles ist ziemlich nass ausser der Fels und der Sloper von Memmentanz ist nach den ersten Versuchen schon ziemlich schwarz von der Feuchtigkeit. Trotzdem kann ich den Memmentanz diesmal endlich klettern. Auch im Blindflug geht es besser und ich habe das Gefühl, endlich richtig durchblockieren zu können. Mit der Schuppe in der rechten Hand flutsche ich jedoch von der unteren Leiste ab, für unser Fitnesslevel sind die Conditions heute zu schlecht.
Am Donnerstagabend sind wir schon wieder da und der Grip ist deutlich besser. Marc ist sehr nahe dran im Memmentanz. Aldo und Heinz sind auch da. Danach ziehen wir weiter zum Blindflug (Bild oben). Zum ersten Mal kann ich den weiten Zug durchblockieren. Ich starte gleich mit Versuchen vom Start und kurze Zeit später erwische ich die Schuppe zum zweiten Mal. Der Ausstieg ist nicht mehr schwierig und ich kenne die Züge genau. Fred Nicole hatte den Sitzstart von Blindflug 1994 erstbegangen. Danach ist der Boulder scheinbar in Vergessenheit geraten. Doch in den letzten Tagen wurde er gleich dreimal begangen (Ronny (2. Begehung?), Aldo und mir).
Blindflug ist ein sehr spezieller Boulder für mich. Ich denke, ich habe noch nie so lange einen Boulder und vorallem einen Einzelzug so intensiv probiert. Am Anfang wollte es einfach nicht klappen. In der ersten Session mit schmerzfreier Schulter und guten Conditions konnte ich den Move jedoch relativ locker. Bis dahin war es jedoch ein langer Weg.

Merci fürs Zeigen der Boulder an Ronny und Aldo.
Mehr zum Blindflug und ein Video gibt es auf Ronny's Blog.

Montag, 30. Dezember 2013

Ticino II


Im Dezember hat es uns wieder einige Male ins Tessin verschlagen. In Chironico haben wir ein paar ältere, (für uns) fast schon vergessene Projekte angegangen. Bei meinem ersten Besuch in Chironico am 2. Oktober 2010 zusammen mit Andri war  « New Age »  der erste Block, den wir gesehen haben. Jedoch haben wir das Problem damals nicht versucht. Als wir anfangen zu probieren, erscheint Sebastian und gibt uns einige gute Tipps, mit deren Hilfe ich den Boulder schnell klettern kann. Der Boulder hält einige der besten Züge an durchwegs angenehmen Griffen bereit. Der erste Teil führt an leicht abschüssigen Leisten aus dem Überhang hinaus. Im zweiten Teil gilt es den Mantle zu bezwingen. New Age ist ein absolut lohnendes Problem. Obed, der am Tag zuvor im Minimum am Wettkampf mitgemacht hat, und Sebastian klettern die schöne Linie Diagon Halley (Bild unten) und die kräftige Pink-Lady links davon.

Nachdem uns Sebastian vom  « Willenberg Dach »  erzählt hat, dass er mit einer für ihn sehr einfachen Lösung klettern konnte, sind wir motiviert, diesen Boulder auch mal wieder anzugehen. Jedoch finden wir keine gute Lösung für den zweiten Teil. Nach einigen hoffnungslosen Versuchen taucht Dodo auf, der sich als unser Retter entpuppt. Er hat das perfekte Beta auf Lager und somit steigt auch unsere Motivation wieder. Die Schwierigkeit liegt mehr in der Anzahl der Moves, in denen man sich keine grossen Fehler erlauben darf. Während den ersten Versuchen gelingt es mir nicht, alles richtig zu machen. Plötzlich klappt jedoch alles perfekt und ich klettere fehlerfrei und relativ locker bis zur Dachkante. Die Finger sind jedoch aufgrund der langen Kletterzeit ausgekühlt und zusammen mit der aufkommenden Müdigkeit muss ich mich für den letzten, eigentlich einfachen Zug an den Henkel nochmals zusammenreissen. Mättl klettert den Boulder gleich anschliessend, jedoch im Gegensatz zu mir bis zum Schluss kontrolliert und scheinbar anstrengungslos.

Nach dem letzten gescheiterten Versuch in Brione zu klettern, wagten wir einen zweiten Anlauf. Der Fels ist wirklich nochmals besser als in den anderen Gebieten. Er ist hautschonender und hat trotzdem eine gute Reibung. Wir waren derart begeistert von der Gesteinsqualität und den Linien, dass ich besser gar nicht zu schwärmen anfange. Hier im Verzascatal fanden wir eine Menge neue Projekte. Ein Dankeschön geht an Prisca, die uns den Standort einiger Boulder erklärt hat, die wir ohne sie nie so schnell gefunden hätten. Wir werden so schnell wie möglich wieder kommen...

Marc im Bach Bloc, einem der vielen perfekten Boulder in Brione.

Aufgrund der Schneefälle Mitte Monat genossen wir auch wieder Mal einen Bouldertag in Cresciano. Hier war es jedoch so sonnig und friedlich warm, dass wir nicht allzu viel geklettert sind. Der einzige sportliche Erfolg des Tages war eine Begehung des Cresciano-Megaklassikers  « Slopy Traverse » . Wir haben zwar nicht rausgefunden, ob es die Schönheit der Moves oder die einzigartige Linie waren, die diesen Boulder zum Klassiker gemacht haben. Jedoch ist er nun schon ein Klassiker und die muss jeder irgendwann einmal klettern. Wir haben es jetzt hinter uns...

Sonntag, 24. November 2013

Ticino

Die Session im Meiental war für uns der letzte Bouldertag nördlich des Gotthards in diesem Jahr. Zusammen mit Roby bin ich wenige Tage später wieder im Tessin unterwegs. Leider sind die meisten Blöcke nass und die Luftfeuchtigkeit ist hoch. Viele unserer Projekte können wir gleich wieder vergessen. Wir entscheiden uns irgendwann für einen Abstecher in den 101-Sektor und hoffen dort trockenen Fels zu finden. 
Konkret wollen wir « Worthless Everything » probieren. Diesen kleinen, kurzen Boulder haben wir beide schon früher versucht, jedoch noch nicht klettern können. Worthless Everything startet mit einem weitem Zug mit der linken Hand aus einem Hook an eine abschüssige Leiste. Für die rechte Hand gibt es einen Pinch rechts daneben. Der letzte Zug an die Kante ist schlussendlich der Schlüsselzug. Dieser Dyno fühlte sich während den ersten Versuchen speziell an, mit der Zeit ging es aber ziemlich gut. Mit dem linken Fuss konnte ich auf dem Tritt stehen bleiben. Obwohl das Intro zu diesem Dyno nicht lange ist, fühlt sich der Sprung vom Start her deutlich schwieriger an. Bei dynamischen Moves sinkt die Präzision immer schon bei geringster Ermüdung... In Worthless Everything ist jedoch nicht enorm viel Genauigkeit erforderlich, denn die Kante oben ist überall gut. Nach einigen Aufwärmversuchen gelingt der Sprung schliesslich (Bild unten), jedoch ohne dass der linke Fuss stehen bleibt. Worthless Everything ist anders als die meisten Linien im 101: ziemlich kurz, mit nur wenigen Moves. Diese wenigen Moves sind jedoch perfekt, darum lohnt sich der für Chironico-Verhältnisse lange Zustieg allemal.
Ein anderer sehr schöner Boulder ist « Quasimodo »  (Bild oben). Heute wird der Boulder meistens mit einem Hook links geklettert, aus dem sich direkt die Kante erreichen lässt. Die definierte, originale Version matcht jedoch am Sloper. Auf diese Art geklettert gehört Quasimodo zu den seltenen Bouldern, die mehr Kraft im Oberarm als in den Fingern brauchen.

Unser nächstes grosses Ziel ist Brione. Das dritte grosse Gebiet im Tessin neben Chironico und Cresciano liegt im Valle Verzasca. Da die Anreise deutlich länger ist haben wir uns immer für einen der beiden anderen Orte entschieden. Jetzt wollen wir uns endlich mal Zeit nehmen, auch Brione zu erkunden. Auf unserem Weg dorthin sinkt jedoch die Hoffnung mit jedem Meter, den wir ins Valle Verzasca hinauffahren. Alles ist triefend nass und tief verschneit. Sogar der Fake Pamplemousse Block ist teilweise nass und die Tophenkel sind randvoll gefüllt mit eiskaltem Schmelzwasser. Der Fels sieht zwar fantastisch aus, aber da wirklich alles nass ist, treten wir schnell den Rückzug an, ohne die Finken ausgepackt zu haben.
In der Dunkelheit erreichen wir Chironico und wärmen uns in Arabald und Super Otti auf. Marc freundet sich gleich mit dem athletischen Stil in der Höhle an. Die zweite Station unserer Nightsession liegt nur wenige hundert Meter entfernt. « Senza Denti »  ist der Klassiker an diesem Block. Ohne grosse Erwartungen kann ich den Boulder gleich flashen. Wir klettern alles, was trocken ist, und hoffen auf bessere Bedingungen am nächsten Tag.
Am nächsten Morgen ist zwar noch längst nicht alles, aber schon deutlich mehr, trocken. Wir wärmen uns am Fengshui Masters Block auf. Die Fengshui-Traverse, die links von Fengshui Masters aussteigt, entpuppt sich als gar nicht so einfach. Die Linie rechts von Fengshui Masters,  « Ragazzo Profumato » , bietet einige kräftige Züge an Seitgriffen. Danach ziehen wir weiter zum Made in Norway Block.

Die schmalen Leisten (Bild unten) von  « Made in Ticino » fühlen sich brutal scharf an, genau wie bei den letzten hoffnungslosen Versuchen vor zwei Jahren, nachdem ich Made in Norway geklettert hatte. Dieses Mal ist der Wille jedoch da, den Boulder ernsthaft zu versuchen. Nach den ersten Versuchen gewöhnen sich die Finger an die gnadenlos aufgestellte Position. Plötzlich gelingt der erste Zug, doch ich falle zuoberst, am Zug an den rettenden, guten Griff. Ich optimiere die Lösung für den oberen Teil und probiere nochmals den ersten, für mich schwierigsten Zug. Die Lust, noch länger an diesen messerscharfen Leisten zu hängen, ist klein. Auch die Haut hat schon arg gelitten und darum bin ich froh, diesen Boulder schnell abzuschliessen. Sebastian motiviert uns gegen Abend für den Lowball  « Kiss Me » . Der Kopf ist mittlerweile schon auf Pizza eingestellt und so müssen wir uns nochmals kurz anstrengen. Wenig später geniessen wir zufrieden die Pizza, ohne zu wissen, dass man hier nicht mit der Kreditkarte zahlen kann. Deswegen begeben wir uns nach dem Essen auf eine fröhliche Bankautomatsuche in den einsamen Dörfern der Leventina. Die Mission ist erst im zweiten Anlauf erfolgreich. Später können wir ein friedliches Konzert von Bärti geniessen, wo sich die Nerven wieder beruhigen.

Freitag, 8. November 2013

Meiental

http://www.flickr.com/photos/61064947@N07/11533912404/
Auf der Suche nach den Boulderblöcken in Wassen sind wir im Meiental auf einen perfekten, freistehenden Block gestossen. Die Linien wurden nach unserem Wissensstand hauptsächlich von Ueli Gygax und den Tresch-Brüdern erstbegangen. Zum Aufwärmen versuchen wir uns an der linken Ecke des Blockes. Die ersten paar Züge sind nicht allzu schwierig, doch der Mantle ist nicht zu unterschätzen. Die Ausstiege sind noch leicht feucht.
Durch den zentralen Überhang führt ein Boulder mit sehr schönen Zügen, den ich relativ schnell klettern kann. Deutlich anspruchsvoller sieht der Sitzstart aus. Die Griffe sind für unsere Verhältnisse relativ klein. Für die rechte Hand gibt es eine abschüssige Leiste, auf der man kaum alle Finger platzieren kann. Der Griff für die linke Hand, der das Auslösen des Startmoves erleichtert, ist auch nicht wirklich ein Henkel. Zu Beginn heben wir nicht vom Boden ab. Wir versuchen alle möglichen Lösungen mit Eindrehen, um möglichst viel Gewicht auf die Füsse zu bringen, sind jedoch erfolglos.


Die Startgriffe sind nicht positiv, so dass wir uns nicht sicher waren, ob eine offene oder aufgestellte Fingerposition besser sein würde. Für uns funktionierte es am Schluss am besten wie auf dem Bild.

Plötzlich merke ich, dass der Zug möglich ist, wenn man ganz simpel den linken Fuss auf den guten Tritt stellt und einfach zieht. Jetzt klappt es nicht nur mit dem Abheben, sondern auch das Auslösen des Moves ist machbar. Kurze Zeit später gelingt mir der erste Zug. Jedoch erwische ich den Griff nach dem ersten Zug des Stehstarts ziemlich schlecht. Ich falle beinahe bei jedem Zug und verliere die Füsse. Irgendwie erreiche ich den guten Sloper doch noch und muss somit den Startmove kein zweites Mal machen.


Marc klettert gleich anschliessend souverän den Stehstart (Bild oben). Mittlerweile ist es dunkel geworden. Die weiteren Linien sparen wir uns für nächstes Mal auf. Wiedermal war es eine schöne Abendsession. Den Boulder, den wir geklettert haben, scheint nach den ersten Nachforschungen (noch) keinen Namen zu haben. Ueli Gygax hat in erstbegangen. Der Block kommt auch in unserem Boulderfilm "SWISS SEASON" vor.